Ein neues Leben in St. Wendel – Interview mit Familie Refaei Alchahin

Maher Refaei Alchahin,44, mit seiner Familie: Frau Ghaidaa,31 und den gemeinsamen Kindern: Sara,1, Ahmed,15 und Mohammed,6.

Laute Schreie, Sirenengeheul und Häuser, die in Schutt und Asche liegen. Sorge um das eigene Leben und das der Familie. Leid, Angst und Zerstörung. Krieg, so beschreibt Maher Refaei Alchahin, das Leben in Syrien, bevor er und seine Familie geflohen sind.

Die Familie wohnte in Homs, 160 Kilometer südlich von Damaskus. Als sich die Situation dort zuspitzte, entschied Maher sich, zunächst alleine nach Deutschland zu reisen, um alle möglichen Formalitäten zu klären und anschließend Familiennachzug zu beantragen. „Ich wollte ein sicheres und stabiles Leben für meine Familie“, sagt der vierfache Vater.

Vor seiner Reise brachte er seine Familie bei seinen Eltern unter. Sein Weg begann in seiner Heimatstadt, ging über die Türkei und Griechenland, über Mazedonien, Serbien und Ungarn, bis nach Österreich und letztendlich Deutschland. Sehr gefasst und sachlich berichtet er von den schwierigen Umständen, unter denen er nach Deutschland gekommen ist. Jeder geführte Weg, egal ob per Auto, Boot oder zu Fuß, musste bezahlt werden. Die Preise reichten von 50 € für eine Autofahrt, bis hin zu 1200 $ für eine Bootsfahrt. Der Fußweg, der zwölf Tage andauerte begann mit circa 400 Personen und endete mit 16 Personen. Auf die Frage, wo die restlichen Personen geblieben seien, antwortete er: „Viele sind verschwunden, auch sind Menschen auf der Flucht gestorben.“

Maher lebte seit Juli 2015 in Bad Schönborn bei Karlsruhe und arbeitete in der dortigen Aufnahmestelle unterstützend als Englisch-Übersetzer.

Seine Frau Ghaidaa  begann ihre Reise nach Deutschland im Oktober 2015. Mitreisende waren Mohammed, Ahmed und Sidra. Die heute 13-jährige Sidra ging bei einer gefährlichen, nächtlichen Wanderung während der Reise verloren, als Schüsse fielen und Panik ausbrach. „Ich dachte Sidra wäre tot“, erzählte Ghaidaa. Glücklicherweise tauchte sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder bei ihren Großeltern in Homs auf. Heute, bald drei Jahre später, wartet sie, mittlerweile in einem Camp bei Beirut auf ihre langersehnte Reise zu ihrer Familie. Viele komplizierte bürokratische Regelungen machen ihr diesen Weg nicht gerade leicht. Sidras Eltern sind sehr bemüht die Behörden zu unterstützen, aber die Kommunikationswege gestalten sich langwierig und verlaufen zäh. „Wir tun alles, damit unsere Tochter endlich bei uns sein kann, aber die Behörden machen es uns nicht leicht. Ich schätze die Genauigkeit der Deutschen, aber bis wir Antwort erhalten, dauert es manchmal Wochen oder sogar Monate. Sehr oft müssen wir mehrmals nachfragen, bis wir überhaupt eine Antwort erhalten“, erklärt der besorgte Vater.

Ghaidaa und die beiden Söhne kamen in die Landesaufnahmestelle nach Lebach, wo auch Ghaidaas Bruder zu diesem Zeitpunkt lebte. Danach wurden sie in einer Wohnung in St. Wendel untergebracht. Einige Zeit lang konnte Maher seine Familie nur an den Wochenenden besuchen. Seit Anfang 2017 lebt er zusammen mit seiner Familie in einer 3- Zimmer Wohnung mit Balkon. Die beiden Jungs teilen sich ein Zimmer, das Wohnzimmer ist Aufenthalts- und Schlafzimmer der Eltern und des Babys zugleich. Die Eltern und die kleine Sara übernachten auf Matratzen. Das dritte Zimmer wird als Allzweckzimmer genutzt. Die gemeinsamen Mahlzeiten werden, aus Platzgründen, auf dem Boden der Küche zu sich genommen.

Auf meine Frage, ob sich die Familie in St. Wendel wohlfühle, antwortet Maher: „Uns gefällt es hier sehr gut. Die Menschen sind freundlich und helfen uns. Wir haben noch Kontakt zu wenigen Mitgliedern der Familie, aber unsere Freunde aus Syrien sind entweder nicht zu erreichen oder nicht mehr am Leben. Wir haben hier in St. Wendel arabische und deutsche Freunde. Wir verbringen oft Zeit mit den Eltern der Kinder, die mit unseren Kindern befreundet sind. Wir fühlen uns gut integriert.

Das vergleichsweise sichere Leben, das wir hier in Deutschland haben, weiß die Familie sehr zu schätzen. „Die Gesundheit meiner Familie steht an erster Stelle. Wir möchten unseren Kindern hier eine gute Zukunft ermöglichen. Sie sollen eine Ausbildung machen oder studieren. Wir möchten ein gutes Leben für sie.“

Aktuell kümmern sich die Eltern hauptsächlich um ihre Kinder, sie sind jedoch gewillt kontinuierlich zu arbeiten. Maher hat in Syrien Jura studiert, ist aber ein Jahr vor Abschluss des Studiums seinem Vater zu Liebe mit in den familiären Partyservice eingestiegen, der sehr gut lief. Das Kochen bereitet ihm große Freude und in diesem Bereich hat er fundierte Kenntnisse. Seit er in St. Wendel lebt, hat er schon mehrere Bewerbungen, unter anderem an verschiedene St. Wendeler Gastronomiebetriebe, Lebensmittelmärkte, usw. geschrieben. Aktuell arbeitet er im Rahmen eines Aushilfsjobs bei einem Lieferservice. Nicht gerade zufriedenstellend, aber Maher ist es wichtig überhaupt zu arbeiten. „Ich möchte arbeiten. Ich kann viel mehr, aber ich hab bis heute leider noch nicht die Chance bekommen zu zeigen, was in mir steckt.“

Auch sprachlich ist Maher sehr engagiert. Die meisten Deutschkenntnisse hat er sich selbst angeeignet, den letzten Deutschkurs musste er unterbrechen, um seine kürzlich operierte Frau bei der Kinderbetreuung intensiver unterstützen zu können. Falls es mal Sprachbarrieren gibt, versteht es Maher auch, sich auf Englisch zu verständigen.

Seine Frau Ghaidaa besaß in Homs einen gutgehenden Friseur- und Kosmetikladen, sie hat auch neun Jahre Berufserfahrung, aber ihre Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt und müsste neu absolviert werden.

Die Kinder gehen regelmäßig zur Schule und fühlen sich in der ländlichen Gegend und dem Umfeld sehr wohl. Ghaidaa und Maher wünschen sich für die Zukunft ihren Traum eines eigenen Restaurants erfüllen zu können. Sie möchten sich hier in Deutschland, in St. Wendel, eine selbstständige Lebensgrundlage aufbauen.

Eine traurige Situation, wenn die eigene Heimat so gefährlich geworden ist, dass man zur Flucht gezwungen ist. Auch sehr schwierig ist es sicherlich, wenn man in ein Land kommt, in dem man niemanden kennt, der Sprache nicht mächtig ist, keine Verdienstgrundlage besitzt, von anderen abhängig ist und es dann auch noch einige Menschen gibt, die einen am liebsten wieder ausweisen würden.

Die Familie sagt: „Wir danken den Menschen in St. Wendel, dass wir so herzlich aufgenommen wurden!“

Familie Refaei Al Chahin ist ein gutes Beispiel für eine Flüchtlingsfamilie, die sich integrieren möchte und den Schutz und die Unterstützung, die sie erhalten, zu schätzen wissen und dankbar sind.

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