Bäcker, Vater, Auswanderer, Holocaustüberlebender Die Geschichte des Zeitzeugen Alex Deutsch – Online-Gedenken zum 10. Todestag

Alex Deutsch, Foto: Landeszentrale für Politische Bildung des Saarlandes (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsch_Alex.jpg)

Anlässlich des 10. Todestages des am 09.02.2011 in Neunkirchen verstorbenen Alex Deutsch erzählt das Adolf-Bender-Zentrum e.V. nochmal die bewegte Geschichte eines Mannes, der sein Schicksal als Holocaustüberlebender unzählige Male erzählte, um für ein Miteinander – nicht Gegeneinander zu mobilisieren. Aus diesem Anlass sind alle Freunde dieses besonderen Menschen ebenso wie alle an seiner Botschaft Interessierte zu einer Online-Veranstaltung eingeladen. Das Adolf-Bender-Zentrum lädt am 24.02.2021 um 18.30 Uhr dazu ein.

„Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere Menschen. Lebt miteinander nicht gegeneinander!.“ Immer, wenn Alex Deutsch als Zeitzeuge mit jungen Menschen ins Gespräch kam, war dieses bewegende Zitat Richard von Weizsäckers etwas, was er ihnen als Wunsch und Aufforderung mitgegeben hat. Dabei wusste er sehr genau, wovon er sprach, denn er hatte selbst am eigenen Leib erlebt, wozu Hass und Gewaltbereitschaft führen können. Er und seine Familie wurden selbst Opfer des größten Verbrechens der Menschheit in der Shoah.

In unzähligen Veranstaltungen vor Schulklassen in unserer Region breitete Alex Deutsch sein für die jungen Menschen unfassbar bewegtes Leben aus. Er erzählte seine Geschichte eindrücklich, in einfachen, starken Worten und lud die Zuhörer ein zur Teilhabe an seinem leidvollen Schicksal.

Am 07.08.1913 wurde er als achtes Kind einer jüdischen Familie in Berlin geboren. Gerne wäre er Friseur geworden, die Umstände ließen dies jedoch nicht zu. Stattdessen wurde er Bäcker. Doch schon 1935, mit 22 Jahren, war es ihm durch das NS-Regime verboten worden, im Lebensmittelgewerbe zu arbeiten. Er konnte nur noch Hilfstätigkeiten verrichten, bis er später zu verschiedenen Arbeiten zwangsverpflichtet wurde. Inmitten dieser schwierigen Zeit heiratete Alex Deutsch am 29.06.1938 Thea Kohn. Zwei Jahre später erblickte Sohn Dennis das Licht der Welt.

Doch das Leben von Alex Deutsch nimmt eine noch weitaus tragischere Wendung, als er wie auch seine Ehefrau und sein dreijähriger Sohn am 27.02.1943 durch die Nazis verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Thea und Dennis wurden direkt nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. Er selbst wurde als arbeitsfähig eingestuft und musste Zwangsarbeit im Auschwitz-Außenlager Buna-Monowitz leisten. Die Schrecken, die er dort zwei Jahre lang erlebte, sind für uns heute kaum vorstellbar. Nach einer Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager nahm seine Gefangenschaft ein Ende, als er mit Mitgefangenen von amerikanischen Soldaten im Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, knapp 700km nord-westlich von Auschwitz befreit wurde.

Die Absicht, sich an denen, die ihm und seiner Familie all dies angetan hatten, zu rächen, diese Absicht gab ihm die Kraft zum Weiterleben. Doch zur Rache kam es nicht. Um sich ein neues Leben aufzubauen, emigrierte er in die USA, wo Familienmitglieder lebten. In St. Louis lernte er Englisch, arbeitete wieder als Bäcker und baute sich sogar einen eigenen Supermarkt auf. In dieser Zeit lernte er Debora Spiller kennen, die er 1948 heiratete. Sie adoptierten ein Kind. 1951 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Doch das Leben in den USA war auch nicht nur von Leichtigkeit geprägt. Es kam zu Anfeindungen und sein Supermarkt wurde mehrfach überfallen und geplündert. In den 70er Jahren, nachdem er mit einem Gewehr im Nacken bedroht wurde, sah er sich nicht mehr imstande, sein Geschäft weiter zu betreiben. Seine Frau verstarb kurz vor seinem Ruhestand.

1978 besuchte Alex Deutsch Doris Löb, die Witwe seines Freundes Karl Löb, der ebenfalls in Auschwitz interniert war und den er auf einem sogenannten Todesmarsch 1945 kennengelernt hatte. Für Doris Löb aus dem saarländischen Wiebelskirchen und Alex Deutsch wurde klar, dass sie von nun an einen gemeinsamen Lebensweg bestreiten wollten – in Deutschland. 1983 heirateten beide und lebten von nun an in Neunkirchen-Wiebelskirchen. Dreißig Jahre lang, bis ins hohe Alter von 97 Jahren gab er unermüdlich, stets freundlich, immer ohne Hass seine Botschaft weiter. Er verstand es jedes Mal, seine Zuhörer emotional zu ergreifen. „Ich habe vergeben, vergessen kann ich nicht“ waren dann seine letzten Worte des Vortrags.
1986 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2002 den saarländischen Verdienstorden und 2007 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Am 09.02.2011 verstarb Alex Deutsch in Wiebelskirchen. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Neunkirchen beigesetzt. Reinhold Strobel, der stellvertretende Vorsitzende des Adolf-Bender-Zentrums, begleitete gemeinsam mit Willi Portz, dem damaligen Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums, die Familie Deutsch über viele Jahre zu zahlreichen Veranstaltungen.

Heute erinnert neben den Spuren, die er bei den Jugendlichen hinterlassen hat, noch immer einiges an dieses sehr bewegte Leben, Vor dem Haus in Berlin-Kreuzberg, wo er als junger Mensch lebte, liegen Stolpersteine, die Gemeinschaftsschule Neunkirchen-Wellesweiler gab sich selbst im September 2001 den Namen Alex-Deutsch-Schule, im Dezember 2010 rief der Kreistag des Landkreises Neunkirchen die Alex-Deutsch-Stiftung ins Leben, drei Jahre zuvor, im Jahr 2007, erschien ein Dokumentarfilm des Adolf-Bender-Zentrums zu seinem Leben. Doris Deutsch ist weiterhin unermüdlich unterwegs, zumal er auf dem Sterbebett noch sagte: „Meine Frau macht das weiter.“

Einladung
Am Mittwoch, den 24.02.2021 um 18.30 Uhr findet eine Onlineveranstaltung statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung liest Thomas Döring aus seinem 2013 erschienen Buch „um es einfach zu erzählen: Das Leben des Zeitzeugen Alex Deutsch“. Anmeldungen zu dieser Lesung sind beim Adolf-Bender-Zentrum unter info@adolf-bender.de unter Angabe einer gültigen Emailadresse möglich. Die Teilnehmenden bekommen dann im Vorfeld der Veranstaltung einen Einladungslink zugesandt.

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